Leichtwind am ''ääääh ... 9. Tag''

06. Mai 2002 - „Unser Segelmacher Nitro (Noel Drennan) ist unter Deck fast ununterbrochen am Nähen“, berichtete Wachführer Stuart Bannatyne von der führenden Leverkusener "Illbruck". „Ohne ihn wären wir nicht so weit vorne.“ Ein geplatzter Spinnaker oder ein anderes misslungenes Manöver kann schnell die eine oder andere Stunde Zeit kosten. Heute Morgen allerdings liegen die Rennyachten auf der siebten Etappe des Volvo Ocean Race im ruhigem Wind eines Hochs. Nach den vergangenen stürmischen Tagen war am Montagmorgen Leichtwind eingekehrt, als die Hochseesegler beim Volvo Ocean Race die letzten 874 Seemeilen der siebten Etappe von Annapolis/ USA nach La Rochelle/ Frankreich angingen.

Segeln vor einer Front-Wolke – den Konkurrenten immer im Blick ( Foto© Richard Mason, "Assa Abloy"/ volvooceanrace.org)

Skipper John Kostecki und seine internationale Crew bauten den Vorsprung vor der „Tyco“ (Bermudas) auf 27 Seemeilen und der „Assa Abloy“ (Schweden) auf 31 Seemeilen aus. Mit der Zielankunft wird für den Himmelfahrtstag (Donnerstag) gerechnet.

Ein Keil des Azorenhochs auf dem Kurs nach Europa hat den Starkwind der

vorigen Woche abgedreht und gibt den Mannschaften Gelegenheit zum

Durchatmen und Reparieren. Auf der „illbruck“ musste ein Schaden am

Jockeybaum (Spinnakerzubehör) und dem Mastbeschlag dafür behoben werden,

der vermutlich bei den enormen Belastungen während des

Geschwindigkeitsweltrekords entstanden war, den das deutsche Boot mit 484

Seemeilen in 24 Stunden aufstellte. Bei zwei bis drei Beaufort wird auf allen Yachten aufklariert.

Unterdessen gehen die Positionskämpfe im Feld unvermindert weiter. Die

schwedische „SEB“ muss zunächst weiter für ihren riskanten südlichen Kurs

tiefer durch den Kern des Hochdruckgebiets bezahlen und fiel 68 Seemeilen

hinter der „illbruck“ auf den sechsten Rang zurück. Vierter ist „News Corp

“ (Australien/52 sm zurück) vor „Amer Sports One“ (Finnland/Italien/63).

Schlusslicht blieb „djuice“ (Norwegen/73) nach der Aufgabe der Frauen von

„Amer Sports Too“ durch Mastbruch.

„...ääääääh, Tag Nummer neun“ – so hatte der Montag vermutlich für

Segeltrimmer und Steuermann Richard Clarke begonnen. Denn der geborene

Kanadier führt ein Fernseh-Tagebuch an Bord der „illbruck“ und muss sich

vor jedem Selbstinterview erst mal an den Tag erinnern. Andere, so wie der

Münchner Vorschiffsmann Tony Kolb, fragen häufig nach dem Essen oder

denken ständig an den Trimm.

 

Die Mannschaft der siebten Etappe mit Spitznamen und in Einzeilern:

Ich finde, jetzt ist eine gute Gelegenheit, ein paar typische Zitate von

der illbruck-Crew „herauszulassen“. Diese Einzeiler stammen aus den zwei

Jahren, die ich mit den Jungs verbracht und in denen ich sie gut kennen

gelernt habe – und von dem, was die Jungs meist sagen und tun auf einer

Rennyacht.

Tony Kolb (kein Spitzname): „hey mate, hand me another protein bar...“

(Hey Kumpel, gib mir noch einen Eiweißriegel). Alle, die Tony kennen,

müssten wissen, dass er das so vor ein paar Jahren nicht gesagt hätte. Vor

ein paar Jahren sprach er kaum Englisch, und jetzt spricht er perfektes

Kiwi-Englisch. Außerdem isst Tony mehr als jeder andere an Bord – ständig

das Essen anderer Crewmitglieder.

Stu Bettany: „Waffler“ – warum nur lautet sein Spitzname „Schwafler“? Weil

er mehr als jeder andere an Bord quasselt und wahrscheinlich auch mehr als

irgendeiner von einem anderen Boot. Kaum schlägt er in seiner Koje die

Augen auf, fängt er an zu reden und hört nicht mehr auf. Zitat: „wir

brauchen mehr Masttopbackstag“. Er ist auf Mast und Rigg spezialisiert,

guckt immer hoch zum Mast und stellt sicher, dass alles schön sicher ist.

Jamie Gale (kein Spitzname): „Was ist heute die Kleiderordnung an Deck?“

Neun von zehn Malen steht Jamie in Unterwäsche auf und brüllt die Frage an

die Crew an Deck, um herauszufinden, was die ideale Ausrüstung heute ist.

Richard Clarke (kein echter Spitzname): „.... äääääääh, Tag Nummer neun.“

Richard produziert ein Video-Tagebuch für National Geographic. Er

interviewt sich jeden Tag selbst, vergisst aber grundsätzlich, welcher Tag

es ist. Daher beginnt jedes seiner Interviews mit einem langgezogenen

„äääääääh“, während er versucht, sich an den Tag zu erinnern.

Noel Drennan: hat die meisten Spitznamen – „Nitro“, „Baz“ und „Terry“.

Zitat: „Oh nein Jungs, nicht schon wieder ein kaputtes Segel!“ Nitro

flickt nämlich alle unsere zerrissenen Segel an Bord. Er arbeitet hart und

macht einen ausgezeichneten Job, wenn er die Fetzen wieder zusammengefügt,

in die wir die Segel zerlegt haben.

Ray „Hooray“ Davies: “Juan, läuft die Sat B?” Hooray ist unser

Medienbeauftragter an Bord und fragt Juan ständig, ob die Satellitenverbindung steht, damit er sein Videomaterial abschicken kann.

Dirk „Cheese“ de Ridder: „Ein bisschen mehr Checkstay!“ Cheese ist in

seiner Wache für das Trimmen der Segel verantwortlich. Normalerweise

trimmt er den Spinnaker oder die Fock, aber schaltet sich auch immer ein,

wie die anderen Segel getrimmt werden sollten. Cheese treibt uns alle

voran und lässt dabei niemals nach.

Ross „Rosco“ Halcrow: “Hey, ist da noch was von dem Jerky übrig?“ Rosco

liebt an Land gutes Essen und die Bordküche schmeckt ihm überhaupt nicht.

Er weigert sich strikt, Power- oder Eiweißriegel zu essen, und besteht

darauf, sein Protein in Form von Trockenfleisch zu sich zu nehmen. Wenn es

nach ihm ginge, äßen wir an Bord nur Beef Jerky.

Stuart Bannatyne: Manchmal lautet sein Spitzname „Herme“, aber eigentlich

nennen wir ihn nicht so. Zitat: „Macht den hinteren Ballast voll, bitte.“

Stu ist einer unserer Wachführer und gibt immer schöne, laute, klare

Ansagen an die Crew. Obendrein ist er noch sehr höflich dabei, wenn er

Kommandos brüllt. „Bitte tu dies, bitte tu jenes...“

Mark „Crusty“ Christensen: Sein Spitzname hat sich derart eingebürgert,

dass ich manchmal vergesse, wie er wirklich heißt. Zitat: „Lasst uns A9

(Spinnaker) drauftun.“ Das A9 ist nämlich sein Lieblingssegel an Bord. Es

geht soweit, dass er schon von diesem speziellen Segel anfängt zu reden,

bevor wir auch nur im entferntesten dran denken können, es zu setzen.

Crusty ist glücklich verheiratet, aber manchmal denke ich, er liebt den

A9-Spinnaker mehr als seine Frau.

Juan Vila (kein Spitzname): „(mit hoher Stimme) Jungs, ich habe euch

gesagt, wir hätten mehr nach Süden gehen sollen.“ Juan ist das letzte

Whitbread-Rennen auf Chessie Racing gesegelt. Dee Smith, der Taktiker von

Amer Sports One, ist dabei mehrere Etappen mit ihm gesegelt. Juan bringt

das ganze Team zum Lachen, wenn er seine perfekte Dee-Smith-Imitation

hinlegt. Außerdem ist er dafür bekannt, dass er nicht in einer Koje

schläft. Manchmal finden wir ihn auf einem nassen Segel, komplett im

Trockenanzug und mit Lifebelt (Sicherheitsgurt). Er scheint überall besser

zu schlafen, als in einer Koje. Wir haben vorsichtig versucht, seine

Gewohnheiten zu verändern.

Die meisten nennen mich „JK“ und am häufigsten sage ich: „Nicht schon

wieder Rinder Teriyaki...“. Ich esse gern, aber nicht an Bord und schon

gar nicht die gefriergetrockneten Mahlzeiten. Das wurde zu einem echten

Problem, als ich zuviel Gewicht verloren hatte. Deswegen hat Richard

Clarke, unser Smutje, mir Ramin-Nudeln eingepackt. Die kann ich mir

kochen, wenn ich mal das Trockenmahl des Tages absolut nicht mag.

 

John Kostecki

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